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30.03.2020

Senioren sollen trotz Corona täglich an die frische Luft


Das rät der renommierte Sportmediziner und Lungenspezialist Beat Villiger in einem Interview auf www.tagesanzeiger.ch



Beat Villiger, Doyen der hiesigen Sportmedizin und Lungenspezialist, rät älteren Menschen, sich jeden Tag zu bewegen, um das Immunsystem fit zu halten.

Autor Christian Brüngger



Herr Villiger, ist Sporttreiben für ältere Menschen sinnvoll in diesen Corona-Zeiten?

Altersangepasste sportliche Aktivität ist wichtig, damit das Herz-Kreislauf-System und der Stoffwechsel gesund bleiben. Auch für die Psyche ist Sporttreiben sinnvoll, insbesondere aber zur besseren Abwehr von viralen Erkrankungen wie grippalen Infekten, wahrscheinlich auch Covid-19. Bereits vor 20 Jahren konnten wir am Swiss Olympic Medical Center Davos zusammen mit dem Schweizerischen Institut für Asthma und Allergieforschung zeigen, dass moderater Sport die Häufigkeit und den Schweregrad von grippalen Infekten vermindert.


Welche Rolle spielt das Immunsystem?

Neben der lokalen Abwehr der Schleimhäute beim ersten Kontakt mit dem Virus ist der «Fitnesszustand» des Immunsystems zentral für die erfolgreiche Abwehr. Wir wissen heute, dass neben der genetischen Veranlagung einige wenige Faktoren die Abwehrbereitschaft des Systems beeinflussen: eine ausgewogene, früchte- und gemüsereiche Ernährung, die Vermeidung von geistiger sowie körperlicher Überbelastung, ein guter Fitnesszustand und im Falle von viralen Infekten eine intakte Schleimhaut der Atemwege.


Welche Bedeutung nimmt der Faktor Sport dabei ein?

Die richtig dosierte sportliche Aktivität ist zentral. So konnten wir 2001 in einer Studie mit Spitzensportlern, Hobbysportlern und «Stubenhockern» zeigen, dass zu viel Sport (Topathleten) beziehungsweise zu wenig (Stubenhocker) zu mehr und schwereren grippalen Infekten führt. Wir stellten auch eine signifikante Funktionseinschränkung der Immunabwehr mit den körpereigenen Abwehrzellen und Abwehrsubstanzen fest.


Das Virus kann die Lungenerkrankung Covid-19 auslösen. Was kann man für seine Lunge tun?

Da die Infektion in den oberen Luftwegen beginnt, sollte der Körper den Abwehrkampf mit einer intakten Schleimhaut und einem fitten Immunsystem bereits dort gewinnen. Zudem: Je geringer die Anzahl der Viren ist, desto besser wird das Abwehrsystem damit fertig – Stichworte Hygiene, Social Distancing. Wird das Coronavirus nach Abstieg in die Lunge dort aktiv, führen die entzündlichen Abwehrprozesse dazu, dass sich die Sauerstoffaustausch-Membranen verdicken und die Lungenbläschen mit Flüssigkeit volllaufen, was zu einer zunehmenden Störung der Sauerstoffaufnahme führt und in vielen Fällen eine Beatmung notwendig macht.


Sind sportliche Senioren vor dem Virus besser geschützt?

Es ist ein biologisches Gesetz, dass unser Immunabwehrsystem mit dem Alter schwächer wird, wissenschaftlich Immunseneszenz genannt. Wir wissen aber, dass sportliche Senioren im Kampf gegen die üblichen Grippeviren erfolgreicher sind. Wir wissen noch nicht, ob das auch für den Erreger Sars-CoV-2 gilt, aber in Analogie mit anderen Coronaviren ist dies anzunehmen.


Wo sollen diese Senioren Sport treiben – an der frischen Luft?

Weil bei grosser Kälte und durch den Sommersmog die Atemwegschleimhäute zusätzlich belastet werden, sollte man zu diesen Zeiten bezüglich Outdoorsport vorsichtig sein. Gerade im Frühling ist die Situation aber ideal.


Welche Belastung ist für Senioren vernünftig?

Die richtige Intensität und eine vernünftige Dauer sind entscheidend: Moderate Intensität wie zügiges Gehen für 30 bis 45 Minuten pro Tag mit ein paar Dehn-, Kraft- und Balanceübungen wäre wohl ideal.


Welchen Sport sollen sie treiben – beziehungsweise wie sich bewegen?

Den Senioren wird empfohlen, zu Hause zu bleiben und Sport im eigenen «Fitnesslabor» zu treiben. Was aber schon für Jüngere trotz aller Fantasie nicht einfach ist, dürfte bei Älteren fast unmöglich sein. Also besser nach draussen gehen und sich in der Nähe der eigenen Wohnung sportlich betätigen – mit einer grossen Ausnahme: Wenn wir Zustände wie in Italien oder Spanien erleben sollten, dann bleibt auch für Schweizer Senioren für drei bis vier Wochen nur der «Heimsport»!


Was können Senioren tun, die bislang im Turnverein oder in Gruppen aktiv waren?

Aufgrund der Hygienerichtlinien des Bundes mit Social Distancing muss leider auf Gruppensport verzichtet werden. Sie sollten sich allein oder in Gruppen von maximal fünf Personen fit halten, um für den Gruppensport nach Ende der Epidemie bereit zu sein.


Können Sie Hilfsmittel für Senioren empfehlen?

Weil wir noch heizen, ist es wichtig, die Raumluft genug zu befeuchten, um die Abwehrfähigkeit der Schleimhäute zu erhalten. Die «Durchgangszeit» von Viren durch eine trockene Schleimhaut ist dreimal schneller, was dem Immunsystem weniger Zeit gibt, darauf zu reagieren. Auch hier müssen wir Zeit gewinnen.


Was nützen sogenannte Immunstimulanzien und Vitaminpräparate?

Sie bringen vor allem den Produzenten viel Geld ein, wissenschaftlich bewirken sie nur in sehr wenigen Fällen im Spitzensport oder bei Mangelerscheinungen etwas. Insbesondere sind Vitamin-C-, Multivitaminpräparate und Pflanzen-Prophylaktika definitiv out. Sie machen nur einen teuren Urin.


Wenn sich eine ältere Person infiziert hat, darf sie dann noch Sport machen?

Sport ist für Gesunde! Bis zwei Tage nach Verschwinden der Symp­tome beziehungsweise des Fiebers müssen auch ältere Sportfreaks warten.



*Beat Villiger war jahrelang Clubarzt des HC Davos. Er ist spezialisierter Lungen- und Dopingarzt. Bei mehreren Olympischen Spielen war er der Chefarzt der Schweizer Nationalmannschaft.


Mehr Informationen unter https://www.tagesanzeiger.ch/senioren-sollen-trotz-corona-taeglich-an-die-frische-luft-682659481333


Kategorie: Empfehlungen


Dieser Tipp wurde erfasst am 30.03.2020 um 09:58 Uhr.



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